Ökonom Sergei Alexaschenko: Was Russland und China in den kommenden Jahren erwartet

In Davos ist das alljährliche Weltwirtschaftsforum zu Ende gegangen. Diesmal ohne eine russische Delegation, obwohl Russland im Zusammenhang mit seinem Einmarsch in die Ukraine aktiv diskutiert wurde.

Die russische Online-Plattform Republic sprach mit dem Ökonomen Sergei Alexaschenko, ehemaliger stellvertretender Finanzminister Russlands und erster stellvertretender Vorsitzender der Zentralbank, über die Debatten in Davos und die Zukunft Russlands.

Hier einige Auszüge aus seinen Bemerkungen zum Verhältnis zwischen China und Russland:

„China war In den letzten 25 Jahren einer der Motoren der Weltwirtschaft und trug wesentlich zum Wirtschaftswachstum bei. Aber Ende letzten Jahres verlangsamte sich das Wachstum dramatisch von sieben auf drei Prozent, was für China Stagnation bedeutet. Aber man muss verstehen, dass diese Verlangsamung auf die Auswirkungen von Covid, der Abriegelungen und der Null-Toleranz-Politik zurückzuführen ist. Diese Probleme sind auch das Ergebnis einer Krise auf dem Immobilienmarkt, und der Bausektor ist zusammengebrochen. Darüber hinaus hat die Kommunistische Partei Chinas begonnen, aktiv gegen private Unternehmen vorzugehen, insbesondere gegen solche, die im Technologie- und Informationssektor tätig sind. All diese Faktoren belasten die Wirtschaftstätigkeit stärker als andere.“

Auf die Frage, ob China unter der russischen Außenpolitik leide und Russlands Aggression ungewollt Chinas rückläufige Wirtschaft gefördert habe, antwortete er: „Ich glaube nicht, dass Chinas Wirtschaft unter der russischen Aggression gelitten hat. Die russischen Exporte nach China bestehen hauptsächlich aus Rohstoffen und leicht verarbeiteten Waren, deren Produktion in Russland von der Krise nicht betroffen ist. Betrachtet man die Handelsbilanz zwischen Russland und China, so ist sie für Russland stark positiv: Russland verkauft mehr an China als es von dort kauft. Der Anstieg der russischen Exporte ist vor allem auf die höheren Energiepreise zurückzuführen. Man könnte sogar das Gegenteil behaupten: Die chinesische Wirtschaft hat deutlich davon profitiert, dass sie begonnen hat, russisches Öl zu niedrigeren Preisen zu kaufen, als sie es von anderen Ländern hätte kaufen können.“

Ob die Ära des chinesischen Wirtschaftswunders zu Ende gehe oder ob es sich um einen vorübergehenden Rückschlag handele? „Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft hat sich in den letzten fünf Jahren verlangsamt. Wachstumsraten von 7 bis 10 Prozent sind nicht mehr möglich. Aber wird China trotzdem schneller wachsen als die Weltwirtschaft? Die Wahrscheinlichkeit ist hoch.“

Russlands außenwirtschaftliche Hoffnungen, dass China Autos, Unterhaltungselektronik, Grauimporte und vieles mehr liefert, sieht er skeptisch: „Damals, als die Annexion der Krim stattfand und Putin eine Hinwendung nach Osten ankündigte, dass wir mit China befreundet sein würden, das den Westen ersetzen würde, habe ich über diese Idee gelacht. China kann für Russland den Westen nicht ersetzen. Es gibt dort keinen Kapitalmarkt, keine Produktion moderner Technologien. Es gibt viele Dinge, die man dort gut machen kann. Aber es gibt Grenzen. Und acht Jahre nach der Annexion der Krim hat sich gezeigt, dass meine Position richtig war. China hat Russland keine nennenswerten Mittel zur Verfügung gestellt. Chinesische Unternehmen haben keine großen Projekte in Russland (außer in der Rohstoffindustrie); jedes Projekt in der verarbeitenden Industrie in Russland bedeutet für China, einen Konkurrenten zu schaffen. China kauft daher gerne russische Rohstoffe, zumal China und Russland geographisch nahe beieinander liegen. China will aktiv handeln, aber nicht mehr.

Ich gehe also davon aus, dass China aktiv russische Rohstoffe kaufen wird, aber nicht ohne Probleme. Wir sehen, wie schwierig es für Gazprom ist, einen neuen Vertrag über Gaslieferungen nach China zu bekommen. China will sich nicht wie die EU von russischen Gaslieferungen abhängig machen. Es will seine Energiequellen diversifizieren. Ich bezweifle, dass sie die Autofabriken kaufen, die westliche Firmen in Russland gebaut haben, und dort Arbeitsplätze schaffen. Die chinesischen Verwaltungen wollen Wirtschaftswachstum und einen höheren Lebensstandard im eigenen Land, aber nicht in Russland. Ich sehe daher keine Perspektive für engere russisch-chinesische Wirtschaftsbeziehungen.“

Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler Sergei Alexaschenko gilt in Russland als „Person des öffentlichen Lebens und Staatsmann“. Nach seinem Ausscheiden aus dem Staatsdienst war er zehn Jahre lang in der Privatwirtschaft tätig – als stellvertretender CEO der Interros-Holding und als Präsident und CEO von Merrill Lynch Russland. Zwischen 2008 und 2014 war er Direktor für makroökonomische Forschung an der Higher School of Economics. Er schrieb das Buch „Der Kampf um den Rubel“ und zahlreiche Veröffentlichungen in russischen und ausländischen wissenschaftlichen Publikationen zu den Problemen des Steuersystems, Privatisierung, Wirtschaftssoziologie. Derzeit ist er Gastforscher an der Brookings Institution in Washington, D.C. und Vorstandsmitglied der Boris-Nemzow-Stiftung.

[hrsg/russland.NEWS]