Russische Rüstungsindustrie leidet unter Personalmangel

In diesem Jahr wird Russland mit Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt konfrontiert sein, schreibt die Zeitung Wedomosti. Vor allem die Unternehmen des militärisch-industriellen Komplexes leiden unter einem großen Personalmangel.  Der rekordverdächtige Mangel an qualifiziertem Personal ist auf die Mobilmachung sowie die Massenabwanderung von Russen ins Ausland zurückzuführen.

Experten gehen davon aus, dass 2023 der Branche rund 50.000 Arbeitskräfte fehlen werden. Es handelt sich um hochqualifizierte Ingenieure mit einem sehr spezifischen Profil – die Rüstungsindustrie könnte auf deren Mangel mit einer deutlichen Verlangsamung des Wachstums reagieren.

Laut Sergei Tschemesow, dem Leiter vom staatlichen Rüstungskonzern Rostec, arbeiten die Fabriken seit Anfang Januar „praktisch rund um die Uhr“. Ein solcher Zeitplan wurde unter anderen bei Uralwagonsawod, dem größten russischen Panzerwerk eingeführt. Im Sommer verabschiedete die Duma einen Gesetzentwurf, der den Rüstungsbetrieben einen Dreischichtbetrieb ohne Urlaubs- und freie Tage erlaubte und die Unternehmen dazu verpflichtete, staatliche Aufträge im Interesse der Armee und der Sonderdienste ohne Ablehnungsrecht zu erfüllen.

Einer Studie des Gaidar-Instituts für Wirtschaftspolitik zufolge erreichte Personalmangel in der russischen Industrie Ende 2022 einen 30-Jahres-Höchststand, und der Index für die Angemessenheit des Personalbestands in den Maschinenbauunternehmen war auf minus 35 Prozent gesunken.

Nach verschiedenen Schätzungen fehlen dem militärisch-industriellen Komplex bis zu 20.000 Beschäftigte. Ende Oktober hatte der Personalmangel allein in der Verteidigungsindustrie von Nischni Nowgorod bis zu 12.000 erreicht, teilte der stellvertretende Gouverneur der Region mit.

Selbst wenn wir die Löhne deutlich erhöhen, wird der Mangel an qualifiziertem Personal bestehen bleiben, sagen die Unternehmensleiter. Die Tatsache, dass sie jahrelang nicht ausgebildet wurden, fordert ihren Tribut. Nun werden mindestens drei Jahre vergehen, bevor neue ausgebildete Fachkräfte auf den Arbeitsmarkt kommen.

Laut einer im Oktober vom Russischen Industriellen- und Unternehmerverband durchgeführten Umfrage unter den größten Unternehmen rechnen 60 Prozent der Arbeitgeber mit einer Verschärfung des Personalmangels aufgrund der Auswirkungen der Mobilmachung auf den Arbeitsmarkt. Bis Ende Oktober wurden mehr als 300.000 Menschen in die Armee eingezogen, und im Dezember kündigte Verteidigungsminister Sergej Schoigu seine Absicht an, weitere 350.000 Menschen in die Armee aufzunehmen.

„Das Hauptproblem ist nicht der Verlust von Arbeitskräften, sondern die Abwanderung von Fachkräften“, sagt Natalia Subarewitsch, Professorin an der Staatlichen Universität Moskau. Menschen, die weggehen, sind in der Regel wohlhabender und gebildeter.

Außerdem mehren sich in Russland die Gerüchte, dass die Vorbereitungen für die zweite Mobilmachungswelle im Gange sind. Wie das unabhängige Online-Medium Verstka (übersetzt: Layout) herausgefunden hat, bereiten sich die militärischen Melde- und Rekrutierungsbüros in Moskau auf die Mobilmachung vor, obwohl die Regierung der Hauptstadt die Möglichkeit einer zweiten Einberufungswelle bestreitet. Auch Mitarbeiter des Moskauer Versorgungsunternehmens Zhilishchnik bereiten sich auf die Zustellung von Vorladungen vor. Einer Quelle der Zeitung zufolge wurde ihnen sogar verboten, im Januar und Februar Urlaub zu nehmen.

 [hrsg/russland.NEWS]